Nachhaltigkeit – Aspekte ethischen Verhaltens von Bekleidungsproduzenten & Verbrauchern

Droit d’auteur : phive2015 / 123RF Banque d’images

Primark ist der neue „große Böse“ unter den am deutschen Markt vertretenen Modeketten. Vorwürfe, bei einem T-Shirt Preis von 2,50€ könne nicht fair produziert werden, sind laut geworden.

Dabei kann man sich auf der Internetseite von Primark über die Ethik des Modeunternehmens informieren(1): die Kleidung ist deshalb so günstig, weil auf Werbekampagnen verzichtet und in großen Mengen produziert wird. Auch die Löhne, welche die ArbeiterInnen erhalten, sind ein Thema, das vom Unternehmen ernst genommen wird. So wird darauf geachtet, dass der im entsprechenden Land übliche Mindestlohn gezahlt wird. Zudem wird laut der deutschen Primark-Internetseite beim Anbau grünerER Baumwolle geholfen. Und selbstverständlich hat Primark einen Verhaltenskodex, welcher Kinderarbeit verbietet. Die Einhaltung dieses Kodexes wird laut der Modekette in jeder einzelnen Fabrik überprüft. Des weiteren ist Primark der „Ethical Trading Initiative“ beigetreten. Diese unterstützt ihre Mitglieder bei Themen wie sozialen Standards und Arbeitsbedingungen, basierend auf denen der Internationalen Arbeiter Organisation (ILO).

Nun, wie sieht sie denn aus, die Realität? Warum sind Protestrufe laut geworden?

Dem Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie zufolge, sind „an der Herstellung und Lieferung eines Herrenoberhemdes mit seinen Komponenten… rund 140 Hersteller und Logistikfirmen beteiligt.“ (2).

Da die textile Kette so lang und ebenso komplex ist, wird es sicherlich einleuchten, dass es für die Modeunternehmen schwer ist, jeden einzelnen Schritt zu kontrollieren.

Laut Sofie Ovaa, Koordinatorin der „Stop Child Labour“-Kampagne (3), haben die Unternehmer, welche in den USA und Europa ihre Kleidung verkaufen keine Ahnung, woher ihre Ware kommt. Sie kennen ihre ersten Zulieferer, welche sich auch an die verschiedenen Kodizes halten. Doch wer die Zulieferer ihrer Zulieferer sind und wo und unter welchen Bedingungen diese Produzieren lassen, ist ihnen völlig unbekannt.

Wie groß ist unter diesen Umständen der Einfluss, den ein europäisches Unternehmen auf die Produktion seiner Waren haben kann? „Haben internationale Unternehmen die Verpflichtung, ihre Zulieferer zu kontrollieren, ob und inwieweit sie die Arbeitsrechte ihrer Arbeiterinnen verletzen? Verhalten sich die Unternehmen unmoralisch?“ (4). Die Unternehmen haben keine andere Wahl, als billig zu produzieren. Die Konkurrenz zwingt sie quasi dazu. Denn wenn ein Unternehmen moralisch agieren will, kostet dies Geld, was wettbewerbsmäßig wiederum ein Nachteil darstellt.

Nun denn, wenn man dem Glauben schenkt, dass die Unternehmen keinen Einfluss nehmen können auf die Produktion ihrer Waren, dann können es doch aber die Regierungen der jeweiligen Länder.

Ein guter Ansatz, doch auch dieser scheint nicht viel zu helfen: viele Regierungsmitglieder sind selber Besitzer der Textilfabriken und können daher entscheiden, welche Gesetze ihnen passen und welche ihren Machenschaften ehr im Wege stehen. So ist laut ILO-Konvention die Arbeit von Jugendlichen unter 18 in Spinnereien verboten. Doch zum Beispiel in Indien, wo solche Fälle auftreten, wurden die Konventionen gar nicht erst ratifiziert (5).

Nach vielen Protesten musste die Regierung in Bangladesch, dem nach China mittlerweile zweitgrößten Bekleidungsexporteur weltweit (6), einem Gesetzt zustimmen, welches den NäherInnen seit Ende 2013 einen höheren Mindestlohn garantieren sollte. Ich erinnere daran, dass Primark sich auch dafür einsetzt! Dass der Mindestlohn allerdings für eine ungelernte Näherin nur 50€ im Monat beträgt (7), lässt der Modegigant dabei wie zufällig unter den Tisch fallen.

Nun denn, können wir als Konsumenten etwas für die Verbesserrung der Arbeits- und Umweltbedingungen tun? Können wir durch den Boykott bestimmter Waren dazu beitragen, dass sich etwas ändert?

Wollen wir, die wir die Kleidung tragen überhaupt, dass sich etwas ändert?

Ein Top-Manager einer großen Modekette ließ anonym verlauten: „Den Konsumenten juckt es nicht.“ (8), der Konsument hat kein Interesse daran, dass sich etwas ändert. Die Meinung einer Schülerin bei der Eröffnung einer Primark-Filiale in Düsseldorf scheint das nur zu bestätigen: „So verdienen die Leute wenigstens was.“(9)

Selbstverständlich hat sie damit Recht und es würde den Bauern, SpinnerInnen, NäherInnen und allen weiteren, an der Textilkette beteiligten nicht helfen, wenn wir gar nichts mehr kaufen.

Wenn die Unternehmen also nicht effektiv etwas tun können bzw. auf Grund der Konkurrenz nichts tun wollen, wenn die Regierungen der betroffenen Länder nichts tun und es uns Verbraucher größtenteils nicht zu interessieren scheint, ist es denn dann überhaupt möglich den Menschen, die unsere Kleidung herstellen zu helfen?

Unsere Bundesregierung und der aktuelle Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller haben mit dem „Bündnis für nachhaltige Textilien“ im Oktober 2014 einen Versuch gestartet. Es soll unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz sorgen. Ein Resümee 100 Tage, nachdem es in Kraft getreten ist: Bisher sind rund 60 Organisationen und Firmen dem Bündnis beigetreten, wobei NKD das einzige große Textilunternehmen ist, welches Mitglied geworden ist. Zu bemerken ist hierbei, dass deutlich mehr als die Hälfte der am deutschen Markt verkauften Mode von großen Unternehmen produziert wird. Eine weiter Schwachpunkt des Bündnisses ist, dass sich die Bündnismitglieder nur verpflichten die gestellten Mindestanforderungen anzustreben, nicht aber sie zu erfüllen.

Mal sehen, in wie weit sich das Bündnis tatsächlich etablieren wird und ob sich dadurch etwas zum Besseren verändern wird.

Zum Glück ist die Welt nicht nur schlecht. Es gibt tatsächlich Initiativen und Organisationen, die es geschafft haben, für bessere Bedingungen für die ArbeiterInnen und die Umwelt zu sorgen. Dazu gehören Greenpeace, mit seiner Detox-Kampagne, die Kampagne für saubere Kleidung (CCC), die Fair Wear Foundation, das GOTS-Zertifikat, Fairtrade und einige mehr.

Was aber sorgt dafür, dass die oben genannten erfolgreich sind?

Sie überprüfen die Lieferanten und Sub-Unternehmer tatsächlich und zwar durch unabhängige Institutionen. Diese untersuchen zum Beispiel, ob die geleistete Arbeit auch von den zum Unternehmen gehörenden Arbeitern geleistet werden konnte. Wenn dem nicht so ist, liegt die Vermutung nahe, dass ein Sub-Unternehmer hinzugezogen wurde.

Der Erfolg rührt auch daher, dass sich die Organisationen mit lokalen Gewerkschaften, Frauengruppen, Verbraucherorganisationen und Unternehmensverbänden austauschen und zusammen schließen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass den Arbeitern und Lieferanten der Druck, welcher durch die Schnelllebigkeit der Mode entstanden ist, genommen wird. Dies geschieht zum Beispiel, indem die Deadlines, welche für die Produktion gegeben werden nicht mehr so knapp bemessen werden. So ist die Gefahr, dass ein Unternehmen Arbeiten outsourced nicht mehr so hoch.

Auch Abnahmegarantien, zum Beispiel für Baumwolle, helfen die Bedingungen für die ArbeiterInnen der Textilindustrie zu verbessern.

Bleibt also nur zu hoffen, dass Primark, H&M und Co. mit Hilfe des Erfolgs dieser Organisationen und Initiativen durch einen gewissen öffentlichen Druck doch dazu gebracht werden können, ihre Art und Weise des ausbeutenden Wirtschaftens den ArbeiterInnen und der Umwelt zuliebe ändern.

Quellen

(1) https://www.primark.com/de/unsere-ethik 2.2.15 13:20

(2) Gesamtverband textil+mode, Pressemitteilung 10.Oktober 2014

(3) http://labs.theguardian.com/unicef-child-labour/ 29.1. 15 11:22

(4) http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=12560 Michael Neumann 29.1.15 12:36

(5) http://www.femnet-ev.de/index.php/de/78-aktuelles/412-loechrige-kleider-der-missbrauch-von-maedchen-und-jungen-frauen-in-der-textilindustrie-suedindiens 2.2.15 16:32

(6) http://www.welt.de/wirtschaft/article120303100/Textilarbeiter-in-Bangladesch-fordern-Mindestlohn.html 2.2.15 17:16

(7) http://www.taz.de/!128569/ 2.2.15 17:06

(8)http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.hilferufe-in-billig-fummeln-primark-zunehmend-in-der-kritik.f95e97a9-5005-430d-b505-8c7befa9ea1a.html 2.2.15 14:52

(9) http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article122807820/Wie-bei-Billig-Mode-die-Vernunft-aussetzt.html 2.2.15 15:01

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/ethik.html 12.1.15 10:43

http://www.therapeuten-international.de/?t=9 12.1.15 10:50

http://www.arbeitgeber.de/www/arbeitgeber.nsf/id/DE_Wirtschafts-_und_Unternehmensethik 12.1.15 11:31

http://www.textil-mode.de/service/a-z/glossar/code-of-conduct-der-deutschen-textil-und-modeindustrie 12.1.15 11:39

http://www.textile-network.de/code-of-conduct-der-deutschen-textil-und-modeindustrie_15113_de/ 12.1.15 11:46

http://www.verband-textil-bekleidung.de/25.html?&tx_ttnews[tt_news]=345&tx_ttnews[backPid]=24&cHash=696a0ab789 12.1.15 11:50

http://www.fairwear.org 29.1.15 13:05

http://www.fairwear.de/ul/cms/fck-uploaded/documents/companies/FWFAquisition/fwfacquisitionbrochurede.pdf 29.1.15 13:15

http://fair-zieht-an.synagieren.de/zertifikate/fair-wear-foundation/ 29.1.15 13:19

http://www.saubere-kleidung.de/ 30.1.15 11:25

http://www.kirstenbrodde.de/wp-content/uploads/2014/10/Textilfasermarkt-2013.png 2.2.15 10:44

http://multicolorshirt.de/soziales-engagement/ 2.2.15 10:46

http://www.flocert.net/ 2.2.15 11:03

http://www.tagesschau.de/inland/textilbuendnis-103.html 23.1.15 19:08

Code of Conduct

http://www.welt.de/wirtschaft/article108480170/Der-Trick-mit-den-Billig-T-Shirts-aus-Irland.html 2.2.15 13:01

http://kmu.kompass-nachhaltigkeit.de/standardsuche/standard-detail/std/16/Ethical_Trading_Initiative__-_ETI.html?L=0&cHash=9175bf3a1af5809f2d7f65415426fe05 2.2.15 13:18

http://www.focus.de/kultur/videos/mode-konzern-geraet-in-die-kritik-weitere-primark-kundin-findet-hilferuf-auf-etikett_id_3946676.html 2.2.15 14:50

http://www.welt.de/regionales/frankfurt/article113618214/Textil-Discounter-trifft-auf-Fair-Trade-Stadt.html 2.2.15 15:13

http://www1.wdr.de/studio/duesseldorf/themadestages/primarkprotest100.html 2.2.15 15:15

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/angebliche-hilferufe-bei-primark-schaedliche-kampagne-1.2023652 2.2.15 15:37

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vorwuerfe-gegen-billigmode-kette-primark-am-pranger-1.2018078 2.2.15 15:55

http://www.sueddeutsche.de/panorama/nach-einsturz-der-textilfabrik-in-bangladesch-proteste-gegen-arbeitsbedingungen-eskalieren-1.1660083 2.2.15 16:03

http://www.femnet-ev.de/index.php/de/themen/unternehmensverantwortung/nachrichten-und-berichte/379-14-10-2014-stellungnahme-der-kampagne-fuer-saubere-kleidung-zum-geplanten-textilbuendnis-des-bmz 2.2.15 16:48

http://www.femnet-ev.de/index.php/de/spenden/solidaritaetsfonds-spenden/ngwf-bangladesch/nachrichten-aus-bangladesch/358-29-7-2014-konzerne-in-deutschland-steigern-ihre-umsaetze-nach-rana-plaza-in-bangladesch-erhalten-viele-arbeiter-innen-nicht-einmal-ihren-eid-bonus-stand-der-fabrikinspektionen 2.2.15 16:53

http://www.zeit.de/news/2014-01/23/bangladesch-textil-unternehmen-arbeit-viele-textilfabriken-in-bangladesch-zahlen-hoeheren-mindestlohn-nicht-23143017 2.2.15 17:05

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/textilien-aus-asien-die-kleider-karawane-12771624.html 2.2.15 17:23

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kambodscha-der-hohe-preis-der-billigen-kleidung-12736194.html 2.2.15 17:46

http://www.ethicaltrade.org/ 2.2.15 18:02

http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/gegenmassnahmen/wirtschafts-initiativen/eti/ 2.2.15 18:05

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